Festbrennweite vs. Zoom

1. Juli 2009 | Von admin | Kategorie: Allgemeines, Canon EOS 5D Mark II, Objektive

Nicht nur im Einsteiger-Segment gehören Zoom-Objektive als “Kit-Objektiv” mittlerweile zur Standardausrüstung von DSLR-Fotografen. Profis blicken selbst auf die qualitativ hochwertigen Vertreter dieser Objektivgattung bisweilen verächtlich herab und schwören auf lichtstarke Festbrennweiten. Doch ganz so einseitig sollte man dieses Thema nicht betrachten.

Als “Immer-Drauf-Objektiv” habe ich vor einigen Jahren bei meiner 20D das 17-85/4-5,6 von Canon schätzen gelernt. Seit Anfang des Jahres tut an meiner 5D Mark II standardmäßig das 24-105/4L seinen Dienst. Ja, ich geb’s zu: Ich bin ein Freund (guter) Zoom-Objektive. Kürzlich hatte ich nun Gelegenheit, zwei lichtstarke Festbrennweiten von Canon (darunter das 85/1,2L) auszuprobieren. Das Ergebnis: eine gewisse Hassliebe für Festbrennweiten. :o))

Eines vorweg: Die Vorteile hochwertiger und lichtstarker Festbrennweiten sind gar nicht zu bestreiten:

  • Selbst hochwertige Zoom-Objektive zwingend zu Kompromissen in der Abbildungsqualität, die man bei Festbrennweiten viel besser vermeiden kann. Gerade an einer Kamera wie der 5DM2, die jede Schwäche des Objektivs gnadenlos ans Tageslicht bringt, ist die gestochen scharfe Abbildung z.B. des 85/1,2L wirklich beeindruckend.
  • Die hohe Lichtstärke erlaubt Available-Light-Aufnahmen, wo man sonst längst schon zu höheren ISO-Werten (mit entsprechenden Qualitätseinbußen) oder einem Blitz hätte greifen müssen. Gerade im (leichten) Telebereich, wo man sonst aufgrund längerer Verschlusszeiten mit dem Risiko des Verwackelns leben muss, machen ein, zwei Blendenstufen mehr oder weniger einen Riesenunterschied.
  • Die kleinen Blendenwerte der Festbrennweiten ermöglichen ein Spielen mit der Hintergrundunschärfe, wie es bei den kleinsten Blendenwerten selbst guter Zooms (typischerweise Blende 4) kaum möglich ist.
  • Zumindest subjektiv ist der Autofokus aufgrund der Offenblende bei den Festbrennweiten deutlich flotter als bei Zoom-Objektiven mit weniger großer Offenblende (selbst solchen mit USM).

Aber es gibt eben nicht nur Licht:

Geht es primär um die Lichtstärke, ist der Tiefenschärfe-Effekt kleiner Blendenwerte oftmals eher störend als hilfreich. Bei Blende 1,8 muss man selbst bei Standardportraits schon aufpassen, dass beide Augen scharf abgebildet werden. Im Studio ist sicher die Zeit, solche Feinheiten zu beachten, bei Aufnahmen “in der freien Wildbahn” wird das schon schwieriger - zumal man die (ungewollte) Unschärfe oftmals erst später am PC erkennt.

Nichts gegen gelegentliche Objektivwechsel - die Möglichkeit zur Verwendung unterschiedlicher Objektive ist schließlich eines der wesentlichen Argumente für die DSLR-Fotografie. Aber in wechselnden Aufnahmesituationen unterwegs alle paar Minuten das Objektiv wechseln zu müssen, ist anstrengend und lässt einen schnell zum “Staubparanoiker” werden. Wer also anfängt, Geld in Festbrennweiten zu investieren, wird früher oder später über einen zweiten Body nachdenken.

Was uns zum nächsten Thema bringt: der Schlepperei. Ein Z0om-Objektiv (und ich rede hier nicht von einem Megazoom, sondern einem solchen mit “moderatem” Brennweitenbereich) deckt gut und gern den Brennweitenbereich von zwei, eher drei Festbrennweiten ab. Auch hier gilt: im Studio kein Problem, unterwegs aber schnell lästig.

Anstrengend sind die (hochwertigen) Festbrennweiten last but not least auch finanziell: Das 85/1,2L beispielsweise schlägt mit über 2.000 EUR zu Buche. Für das gleiche Geld bekommt man z.B. das 70-200/2,8L.

Eher ambivalent ist schließlich die Frage “feste Brennweite” vs. “Zoom mit variabler Brennweite”: Die Veränderung des Ausschnitts durch Zoomen ist zwar bequem, macht aber gleichzeitig faul bei der Wahl der Aufnahmeposition. Wer mit Festbrennweiten fotografiert, wechselt nämlich nicht nur den Abstand zum Objekt, sondern auch die Aufnahmeposition. Dadurch erfolgt die Wahl von Blickwinkel und Hintergrund automatisch bewusster als beim bequemen Heran- oder Herauszoomen.

Fazit: Gute Festbrennweiten sind in bestimmten Situationen - das entsprechende Budget vorausgetzt - sicher das Mittel der Wahl. Insbesondere im ganz unteren Brennweitenbereich (24 mm und weniger), wo die Verzerrung selbst guter Zoom-Objektive oftmals sehr ausgeprägt ist, und bei langen Brennweiten (300 mm und mehr), wo die hohe Lichtstärke aufgrund des Verwacklungsrisikos besonders wichtig ist, können Festbrennweiten punkten. In normalen Brennweiten-Bereichen können Festbrennweiten vor allem im Studio ihre Vorteile ausspielen - in der “freien Wildbahn” würde ich einem (hochwertigen) Standard-Zoom jedoch fast immer den Vorzug geben.

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